Skype ist tot!
Beim gestrigen Mittagessen der Bürogemeinschaft sind wir auf Skype zu sprechen gekommen. Manche mögen in mir jetzt einen Berufspessimisten sehen, trotzdem denke ich das Skype so gut wie tot ist.
Hier nun meine Argumentation:
1. Momentum und Popularität
Skype war bei Erscheinen das ersten VoIP Softphones, das auch bei geringer Bandbreite eine einfache Voicekommunikation ermöglicht hat. Doch selbst heute noch ist die Messagingfunktion unzuverlässig, die Anwendung tendiert in die gleiche Richtung wie ICQ damals: Bloatware.
Trotzdem hat es auch Skype nicht geschafft das Telefon, insbesondere das Mobiltelefon abzulösen: Ein durchschnittliches Handy hat eine unschlagbare Usability, braucht kein Headset und verliert selten ein Telefonat durch Betriebssystem-Crashs.
Seit der Übernahme durch eBay dümpelt Skype wie ein alter Dampfer in Hafennähe herum.
2. Bandbreite
Auch wenn es SIP und H.323 als standardisierte VoIP-Protokolle schon seit den 1990ern gibt, erforderten diese Protokolle damals deutlich mehr als die übliche verfügbare IP-Bandbreite und es mangelte an zuverlässigen Gratis-Softphones und günstiger Hardware. Auch machten asynchrone Bandbreiten und NAT noch Probleme.
Mit dem Anstieg der Consumer-IP-Bandbreite (DSL) in nahezu allen Wirtschaftsnationen ist der Vorteil von Skype weggefallen. Flatrate-Verbindungen weit über 64kbit/s sind nun die Regel. NAT kann durch STUN “umgangen” werden.
3. Kosten
Skype lockte mit weltweiten Gratistelefonaten zwischen angemeldeten Nutzern. Doch leider ist man nicht immer vor dem Rechner oder hat ein Smartphone mit Skype client. Darauf hat Skype mit einem kostenpflichtigen Gateway ins herkömmliche Festnetz zwar reagiert, doch sind für um die 5-10 EUR/Monat bei jedem deutschen Telefonanbieter Flatrates zu buchen. Ohne das ich hierfür einen PC brauche.
Bleibt also nur noch der Vorteil bei internationalen Verbindungen wobei dort Call-By-Call im Festnetz auch schon sehr viel gebracht hat, teilweise gibt es auch schon Flatrates.
Üblicherweise sind Telefonate zwischen Nutzern des selben SIP-Providers auch kostenlos, d.h. auch hier kann der eine Partner in Australien, der andere in Deutschland sitzen und das Gespräch kostet nichts (ausser der Internetverbindung).
4. Das Protokoll
Skype war mit dem eigenen “Guerilla”-Protokoll robuster als das bereits verfügbare SIP. Das hat sich mittlerweile geändert: SIP funktioniert über DSL wunderbar, die NAT-Problematik wurde durch STUN gelöst. Hauptargument für SIP ist die Standardisierung als voll zugängliche RFC. Jeder Hard- und Softwareentwicklung kann das Protokoll fremdkostenfrei implementieren.
Skype hingegen basiert auf einer proprietären Technologie die bis heute nicht seitens Skype veröffentlicht wurde. So gibt es nur eine handvoll Hardwarehersteller die Lizenzen von Skype erworben oder einfach das Protokoll reverse engineered haben.
Tüftler haben ausserdem herausgefunden, dass die Skype Anwendung polymorph reagiert, sollte man zur Laufzeit versuchen die Datenverbindung zu analyiseren. Da auch schon private Daten “versehentlich” übertragen wurde, ist Skype für viele ein unkontrollierbares Trojanisches Pferd. Netzwerk-Administratoren großer Firmen haben große Sicherheitsbedenken.
5. Freie Anbieterwahl
Skype funktioniert nur mit Skype. Bin ich mit der Festnetzschnittstelle oder den Preise nicht einverstanden habe ich keine Alternativen. Ich verliere meine Kontakte und ggf Investition in ein Hardwarephone.
Dagegen gibt es duzende VoIP Anbieter die das SIP Protokoll unterstützten - ein Wechsel ist abgesehen von der Rufnummernänderung leicht möglich. Hard- und Software sind anbieterunabhängig einsetzbar (sofern keine Providerbindung vorgesehen), oft auch gleichzeit mit mehreren SIP-Providern!
6. Endgeräte
Neben der offiziellen Software gibt es nur ein paar Hardwaregeräte die das Skype Protokoll verstehen. Die Auswahl ist sehr begrenzt, solche Telefone lassen sich üblicherweise auch nur mit Skype betreiben. Eine Integration in Telefonanlage ist nicht möglich, auch wenn es gerade eine Ankündigung gab, dies als kostenpflichtiges Feature für Asterisk (OpenSource SIP Telefonanlagensoftware) anzubieten.
Es gibt jedoch eine Vielzahl an Hardware- und Softwareendgeräten auf SIP Basis für wenig Geld zu erwerben. Jede moderne Telefonanlage verfügt über VoIP Schnittstellen auf SIP Basis. Weltmarktführer wie Cisco setzen seit langem auf SIP. Business-Mobiltelefone von Nokia kommen mit einer SIP-Anwendung von Hause aus.
Herausragend ist z.B. die Telefonanlagen Software Asterisk, die als Open Source verfügbar ist. Hier lassen sich auch komplexe Regel und “Sprachmenüs” implementieren. Es wird von der normalen ISDN-Karte bis zu teuren Primärmultiplex-Karten auch ein breites Portfolio an “Backend-Hardware” unterstützt.
Auch gibt es Adaptergeräte (ATA) die herkömmlichen ISDN oder Analogtelefonen vorgeschaltet werden und neben dem Festnetzanschluss auch parallel mehrere SIP-Accounts ansprechen. Es können meist frei definierte Wahlregeln definiert werden, z.B. für Least Cost Routing.
Populäre DSL-Router im Consumerbereich (z.B. AVM Fritz!Box) beinhalten schon eine SIP Telefonanlage mit Anbindung an bisherige Telefonhardware.
7. Usability
Telefonieren tut man mit? Dem Telefon!
Zumindest in den meisten Fällen verzichtet man gerne auf Videotelefonie und anderen Schnick-Schnack. SIP kann ich volltransparent in Telefonanlagen oder im Backbone eines Telefonanbieters “verbauen”. Der Nutzer bekommt nichts mit ausser einer günstigeren Telefonrechnung.
Viele von uns telefonieren schon unbewusst über SIP, obwohl sie ein herkömmliches Telefon benutzen. Neuere Alice und Arcor-Anschlüsse werden z.B. schon bis zum Kunden per SIP über DSL realisiert. Analoge Telefonie und ISDN kommen hier nicht mehr vor.
Das normale Telefon…
Kein Umlernen, kein Umdenken.
Kein laufender PC, kein Problem mit dem Betriebssystem oder mit dem Headset.
Hörer abheben, Nummer eintippen, telefonieren!
… als Handy auch mobil ;-)
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