Goodbye Bloomberg Television Deutschland
Heute war es leider soweit: Bloomberg TV Deutschland sendete wohl zum letzten mal ein vollständiges, aktuelles Tagesprogramm.
Laut Redakteur und Moderatur Philipp Encz ist spätenstens am 9. März Sendeschluss.
Für mich als finanzinteressierten Zuschauer ist das sehr traurig: Typischerweise begann auch bei mir das Interesse für die Finanzmärkte in den späten 1990er Jahren - auch dank des Planspiel Börse in der Schule und dem damals populär werdenden Sender n-tv mit seinen Telebörse-Formaten und natürlich den exorbitanten Gewinnen am Neuen Markt. Die Bildzeitung wurde zum Finanzblatt.
Nachdem die Dot-Com Blase zerplatzte, n-tv nahezu insolvent von RTL übernommen, zu einem Drittverwertungskanal sensationsorientierter Pseudoeducationformaten verkam und auch die Finanzberichterstattung seit 2000 immer weiter auf ein Minimum zurückgefahren wurde suchte ich auch nach einer neuen Informationsquelle.
Irgendwann entdeckte ich Bloomberg TV - sofort viel das von sehr vielen Laufbändern und seitlich eingeblendeten Informationen begrenzte Format-Programm auf und schaffte es schliesslich bei mir auf Programmplatz 8 von 40+.
Das Sende-Schema erinnerte mich an den Radiosender B5 Aktuell - immer zur vollen und halben Stunde gab es Marktberichterstattungen oder -zusammenfassungen aus Frankfurt oder New York. Egal wann man Zeit und Lust hatte - nachts um 3:30 oder tagsüber: Man konnte eine Zusammenfassung des Börsengeschehens sehen.
Dazwischen Interviews mit Analsysten, Investment-Bankern und viel interessanter:
Mit CEOs und CFOs großer Top-Unternehmen in einer Länge, die sonst kein anderer Sender sendete. Und die Interviewten redeten gefühlt etwas mehr Klartext als auf Allerwelt-Pressekonferenzen oder Hauptversammlungen.
Auch Rolf Breuer von der Deutschen Bank tat dies 2002 über den damaligen Schuldner Kirch.
Neben der aktuellen Berichterstattung gab es auch andere Perlen im Programm: Eine Buchrezensions-Sendung “Seitenweise Wirtschaft” des ehemaligen US-Managers der SwissAir Rolf Dobelli, der seit einigen Jahren recht erfolgreich den Buchzusammenfassungsdienst GetAbstract.com betreibt.
Oder “Fokus Mittelstand” bei dem ein/eine Moderator/in Mittelständler besuchte und interviewte - z.B. den Hersteller der Bionade.
Sehr interessant fand ich auch die Analyse der Marktstimmungen mit Herrn Goldberg von Cognitrend oder die Auswertung von aktuellen Transaktionen großer Portfolioverwaltern.
Kein anderer Sender in Deutschland hat Formate die auch nur annährend daran anknüpfen können! Auch nicht in der sachlichen Präsentation.
Natürlich gab es auch negative Dinge: Teilweise nutzten die Gäste die Sendungen sehr zur Eigenwerbung Ihre Finanzprodukte oder -Dienstleistungen.
Auch konnte man nie erkennen wie sich der Sender finanzieren hätte sollen: es gab nur sehr wenig Werbung, keine deutsche Website (die aber ehrlicherweise wohl auch nur Geld gekostet hätte) etc.
Und schliesslich gab es eine Moderatorin - Tochter eines deutschen Altkanzlers - die öfters einen verwirrten Eindruck machte und eine Stimme hatte, mit der man es sonst nicht ins Fernsehen schaffen würde.
Andererseits schien dadurch auch den Sendemachern die Inhalte viel wichtiger zu sein als die Präsentation und gerade deshalb mochte ich Bloomberg TV!
So bleibt mir als Erinnerung ein längeres Interview mit Bert Rürup zur Wirtschaftskrise im Kopf - am Rande irgend einer Promi-Abendveranstaltung: Zum durchaus interessanten längeren interview hörte man im Hintegrund Udo Jürgens singen:
“Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf…”
Ich hoffe für die Angestellten, dass sie einen neuen Arbeitgeber finden, der auch auf Content setzt und nicht auf billige “Show” wie es n-tv oder N24 in meinen Augen tun.
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