Bahnchef Mehdorn - Ein Nachruf
Mehdorn hats geschmissen - “Hauptsache weg” denken nun viele.
Ein neues Kapitel der schmierigen Privatisierungsgeschichte um die Bundesbahn beginnt.
Blicken wir zurück: Eisenbahnen sind weltweit (ex USA) traditionell als Staatsbahnen gegründet und betrieben worden. Einerseits aus Prestige und politischen Interessen (z.B. in Kolonien, Rüstung/Wehrkraft) andererseits natürlich aus allgemeinwirtschaftlichen Interessen.
Wie fast jeder Staatsbetrieb weltweit ist so ein Unterfangen nicht profitabel zu betreiben.
Keine Staatsbahn ist dauerhaft profitabel zu betreiben. Auch nicht in der Schweiz!
Aber Halt! Die Bilanzen sind doch positiv! DB hat doch x,y MRD € Gewinn!
Ja, schöngerechnet. Vergleichbar mit der Gesamtbilanz der Atomenergie. Würde man Bau- und Betriebskosten z.B. für Neubaustrecken oder Tunnelprojekte den Eisenbahnen direkt auflasten, wären sie hoffnungslos verschuldet. Ausserdem wird nahezu der gesamte Personennahverkehr weiterhin von Staatshand bzw. den Ländern finanziert.
Andererseits sind leistungsfähige Transportwege langfristige, nachhaltige Investitionen die der Allgemeinheit dienen und die durchaus in Staatshand gehören!
Die Nutzung der Wege ist natürlich gegen Nutzungsgebühren zu privatisieren, aber die Netz-Infrastruktur selbst darf der Staat nicht aus der Hand geben!
Im schlimmsten Falle führt der nach einer Privatisierung unvermeindliche privatwirtschaftliche Investitionsmangel im Netzbereich zu einer verfallenden Infrastruktur und wirft neue Probleme auf die der Staat wieder mit viel frischem Geld lösen muss (vgl. Telekom/VDSL - ohne “Monopolgarantie” wäre hier nie etwas investiert worden; oder neue Autobahnen weil das Schienennetz nicht ausgebaut wurde).
Einige wenige Länder wissen wie wichtig eine leistungsfähige, systematische Transportinfrastruktur ist (bsp. Schweiz), andere lernen aus Fehlern (UK) viele setzen noch auf den individual- und Last-Verkehr auf der Straße (USA).
Zurück zur Bahn:
Politiker mögen keine “Verlustbringer” in Staatshand die unmittelbar nur Geld kosten, Eisenbahnen waren 1835, 1914-18 und zuletzt 1933-45 “sexy”.
Das beseitigen dieser Last wäre einfach zu schön…
Leider ist die wirtschaftliche Kompetenz der zuständigen Minister schon seit Jahrzehnten “unter aller Sau” und durch Lobbyarbeit geprägt:
Wie kann man bei gesundem geistigen Zustand auf die Idee kommen einen Herrn Dürr als Bahnchef einzusetzen der davor schon die AEG und danach sein eigenes Familienunternehmen mit großem Erfolg fast an die Wand fuhr?
Oder Johannes Ludewig der zuvor noch nie ein Unternehmen geleitet hat? Dessen thematische Qualifikation für das Transportgewerbe dürfte höchstens eine im Kindesalter bespielte Modelleisenbahn gewesen sein.
Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Bahnchefs kamen meist aus dem politischen- oder Lobby-Umfeld der gerade regierenden Parteien und konnte alles, ausser erfolgreich und visionsreich einen Konzern zu leiten.
Also hopp und weg damit an private Investoren?
Mehdorn als Chef einzusetzen war ursprünglich ein Glücksfall: Jemand, halbwegs aus der Branche, mit wirklicher Erfahrung. Ein harter Hund, einer mit Passion, Durchsetzungswille und Ziel…
Das Ziel die Bahn auf “Börsengang-Profit” zu trimmen war allerdings ein großer Fehler der von der Politik vorgegeben, zumindest jedoch unterstützt wurde.
Mehdorn - kompromisslos seiner Sache gegenüber - war der erste Manager der versucht hat den Laden von über einem Jahrhundert voller Beamtenmief, Korruption und Vetternwirtschaft zu säubern. Jemand, der polarisiert hat, aber engagiert war. Jemand der was bewegen wollte, kompromisslos, engagiert.
Leider hat er es nicht geschafft die Belegschaft mitzuziehen, im Gegenteil: Er hat gegen die Mitarbeiter, gegen die Kunden und zuletzt auch gegen die Politik gearbeitet. Das Bahn-Image weiter ruiniert.
Er kämpfte einen Kampf, den man prinzipbedingt nicht gewinnen kann.
Allerdings war es vor einigen Wochen ziemlich verlogen von Politiker zu hören die sich über das Anti-Korruptions-Engagement aufregen: Wohlgemerkt wurden damals nur simple Kontonummern verglichen. Hier zeigt es sich wie weit der Sumpf in unserem Lande schon reicht, nämlich bis zu den Grünen. Man suchte nun offen einen Grund Mehdorn abzusetzen um stattdessen wieder einen lobbytreuen Opportunisten einzusetzen.
Gestört hat es insbesondere auch Leute wie Tiefensee die aus eigener Erfahrung wissen, das Korruption lieber in kleinem Kreise geregelt werden sollte und der nebenberuflich ähnlich Glaubhaft eine Position für Antikorruptions-Projekte übernehmen könnte, wie Althaus für “sicheren Skisport” oder Bahn-Aufsichtsrat Wiesheu gegen “Alkohol am Steuer”.
So hat sich Mehdorn dann ins Aus “gemanövriert” und wird trotzdem bald wieder lachen können: Der Nachfolger wird genau die gleichen Probleme haben und wenn im Bundestagswahljahr noch schnell jemand “gefunden” werden muss, dürfte die Qualität des Kandidaten ziemlich sekundär sein wenn Lobby und Parteibuch stimmen.
Der in den Gerüchten genannte Airbus Chef wäre sicher super geeignet: Intrigen und konzerninterne Machtkämpfe sind ihm bestens vertraut. Er wird sich die Hände nicht schmutzig machen. Wiesheu als Alternative könnte die Vorteile der Bahn möglicherweise besser transportieren: Besoffene Bahn-Fahrgäste überfahren im Suff seltener unbeteiligte KZ-Überlebende auf deutschen Autobahnen.
Was bleibt sind zwei Lager
Das Lager der naiven Zurückschauer, die die Geschichte verklären und jedes Dorf wieder an ein Bahnnetz anschliessen wollen. Dir verbeamteten Lokführer, die nach einem Wechsel der Kaffeesorte im DB-Mitarbeiterrestaurant aus psycho-somatischen Gründen 6 Monate kränkelnd ausfallen. Die amoklaufenden Gewerkschaften, die keine Kooperationsbereitschaft mehr aufbringen können/wollen.
Andererseits die Turbokapitalisten-Fraktion die bis auf 10 ICE Strecken kein Interesse an einer möglichst flächendeckenden Schienenanbindung mehr haben, sich als logistischen Weltkonzern sehen und aus der Güterbahn (“DB Cargo” dann “Railion” dann “Schenker Rail” - oder einfach Güterbahn) am liebsten eine noch größere Groß-Spedition machen möchten.
Wer schaut hier auf Nachhaltigkeit? Wo sind die Visionen?
Wer hat überhaupt noch Visionen mit der Bahn?
PS: So ein Artikel macht richtig Lust auf eine Reise! Mal schauen ob die Lufthansa wieder eine Aktion hat…
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