Warum TV-Live-Chat-Startups scheitern werden.
Viele von uns nutzen Instant Messaging, Twitter und Tumblr um alltägliches aus dem Leben zu bloggen. Viel unnötiges, viel lustiges. Ab und zu ein probates Mittel um Frust abzulassen oder richtig schlechtes zu bashen. Websites, Produkte, TV-Sendungen, Leute.
Oft auch einfach nur aus Langeweile.
Nun gibt es seit einigen Monaten eine Umsetzung einer Live-Chat-Community für deutsche Fernsehzuschauer. Ziel ist es, dass man sich quasi TV-schauend parallel in einem Chat aufhält und dort parallel zur Sendung diskutiert (“Kerner hat heute mal wieder gesoffen”, “Schrowange sieht aber jung aus mit 69!”…).
Während ich mir das für manche langweilige Talksendung (JBK und Co.), bei denen ich auch öfter mal über twitter einen zynischen Kommentar ablasse, gut vorstellen kann, bezweifel ich das es massentauglich ist:
Mainstream-Fernsehen ist eine 100%-konsumierende Beschäftigung.
One way. Ich sehe etwas und kann mich nicht einbringen. Interaktive Elemente sind meist nur zur reinen Profitsteigerung (9Live) implementiert. Möglichkeiten zur Programmbeeinflussung sind aus vielen Gründen gescheitert.
Sogar BETTY-TV.de, ein 0137-Abzock-Äquivalent in Form einer Fernbedienung.
Andersherum besitzen die Themen so wenig Relevanz, dass ich bezweifle das Zuschauer ernsthaft weitere Informationen bzw einen Austausch darüber erhalten wollen.
Warum schauen Leute noch immer Talkshows und Gerichtsshows? Talk, Talk, Talk oder Alexander Hold?
Rein/Raus Unterhaltung. Gesehen, gelacht, vergessen.
Es ist geistiges Opium! Die Zuschauer fühlen sich unterhalten, belustigt, sehen Penner denen es noch dreckiger geht als einem selbst im H4 Plattenbau in Marzahn. Lenken von ihrem eigenen bemitleidenswerten Leben zwischen Couch und Bett ab.
Ich behaupte: erfolgreiche Leute schauen wenig Mainstream-Fernsehen.
Aber so geistige Unterschichten-Leute sind doch Ideal für telewebber und co?
Jein! Während ich mir noch vorstellen kann, dass neben solchen Lo-Fi Sendungen aktiv in einer Community gechattet wird, sehe ich keine Möglichkeit daraus Kapital zu schlagen.
Chatplattformen sind unterirdisch zu vermarkten, die typische Inkasso-Kundschaft ist für Werbung nicht relevant. Social-Network-Vermarktung ist generell schwierig. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand als Nutzer für so einen Dienst Geld bezahlt (bezahlen kann), solang es twitter, irc und andere gratis multi-user chat environments gibt.
Aber die ganzen Serienjunkies! Dr. House! Monk! CSI!
Diese Zielgruppe ist durchaus interessant und aktiv, jedoch gibt es zu jeder populären Serie zig gut eingeführte Fan-Foren/-Boards. Short Tail quasi. Daran wird sich auch nichts ändern, weil dort auch öfter urheberrechtliche problematische Inhalte (Videos, Bilder, selbstgemachte Backgrounds, Collagen, nachgedrehtes) vorkommen. Dies würde eine “professioneller Plattform” bei genügender Relevanz sofort zum “Opfer” der Rechteinhaber machen, bei “FAN-Communities” ist man durchaus kulanter.
Aber die Foren sind doch sooo 1995! Wir sind live, Echtzeit, web 2.0, cross media advantage!11
Während einer Serienausstrahlung würde man als richtiger Fan einen Teufel tun und die Augen vom Bildschirm nehmen!
Na und! Exit! Irgend ein TV Sender wird es schon kaufen, Pro7 kauft doch jeden Mist!
Gut möglich, aber Prosieben hat mit RedSeven schon vor Jahren ersucht eine interaktive Community aufzubauen und zu betreiben - und ist daran grandios gescheitert. Tiscali auch.
Andererseits: Welcher Fernsehsender betreibt eine Web-Fernsehzeitschrift? Ich kenne keinen.
Du machst ja alles schlecht! Spalter! Machs doch erstmal besser!
Ich sage nicht, dass kein Mensch so eine Plattform nutzen wird. Ich bezweifle nur, dass sich mit dem Produkt a) eine kritische Nutzermasse aufbauen lässt und b) ein profitables Geschäft etablieren lässt.
Frei nach Hendrik: Irgendwann wird es eine Preisvergleichsseite und profitabel!
Ist es wirklich sooooo schlecht?
Nein. Im deutschen Vergleich ist es eher innovativ und qualitativ überdurchschnittlich umgesetzt. Die Gründer sind keine Greenhorns sondern haben IT-Erfahrung. Trotzdem sehe ich nicht, wie das Produkt ansich dauerhaft profitabel werden soll. Vielleicht gehts ja doch ohne die Preisvergleichsfunktionalität ;-)
Meine Empfehlung:
Baut einfach eine schöne, einfache Fernsehprogrammseite mit eurer socializing als nebenfeature. aber unbedingt KISS! YAGNI! TVTV.de Hörzu und wie sie alle heissen sind unteridisch scheisse und gehören abgelöst.
Macht Consulting für Fernsehsender! Die haben größtenteils zwar keine Ahnung - bringt aber für Euch gute Kohle.
PS: Wette mit Edgar:
“Wetten, dass in 3 Jahren ein Anbieter, der etwas ähnliches macht wie telewebber.de/ heute, richtig geld damit verdient.”
Ich wette 25,- EUR dagegen, sorry.
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